Es war einmal … der WDR

Es war einmal … der WDR

Mit den ersten drei Worten der Überschrift fangen Märchen an. Zum Vorlesen. Für die Kleinsten. Mit Einschlafeffekt.

Einschlafgarantie für die Großen leistet das Programm der oben anschließend erwähnten Sendeanstalt. Okay, nachdem ich diesen „Witz“ über die Qualität des Programms bedient habe, nun zum Eigentlichen.

Der WDR schafft sich ab

Und das mit entschlossenem Tempo. Er veräußert sein „Tafelsilber“, Kunstobjekte, um an Geld zu kommen. Etwas, worüber im Fall der WestLB investigativ in den Nachrichtensendungen des WDR berichtet wurde. Dies ist aber nur eine Marginalie im Vergleich zum echten Tafelsilber, das er allerdings nicht verkauft, sondern gewissermaßen wegwirft: die Mitarbeiter.

Seit mindestens fünf Jahren weht ein zunehmend kalter Wind durch die engen Gänge der WDR-Gebäude. Dies wurde durch die interne Dienstanweisung, dass sich doch bis zum Novemberende letzten Jahres 500 Kollegen „freiwillig“ zum vorzeitigen Abgang melden sollten, verstärkt. Üble Ansage gefolgt von mieser Stimmung.

Noch schlimmer trifft es die freien Kollegen: Reporter, Produzenten. Die eigentlichen Macher des Programms. Anscheinend benötigt der WDR kein Programm mehr. Zumindest kein aktuelles, kein kreatives mehr. Ist vielleicht logisch, verfügt er doch über ein reichhaltiges Archiv. Das Fernsehen könnte ja zunächst die Programme der 60er Jahre wiederholen. Gewissermaßen als Qualitätsoffensive. Denn dann wäre der WDR wieder unterscheidbar im Querzapping-Sender-Einheitsbrei. Vielleicht auch ein Tipp für den Hörfunk. Zugegeben, die gewählte Sprache der Wortbeiträge aus dieser Zeit gruselt eher. Nicht weniger gruselig ist aber das auf Stromlinienform gebrachte Programm „des Senders“ WDR2: drei Songs von James Blunt in Dauerschleife (very-heavy-rotating), die Themen Wetter, Fußball und „WDR2 für eine Stadt“ – fertig ist der Dudelfunk. (Doch an diesem Thema sollte sich ein anderer Blogbeitrag abarbeiten.)

Die Redaktionen wurden und werden nie richtig mitgenommen. Es gab und gibt immer nur Weisungen von oben, die Entscheidungen gründen auf – nur scheinbar konkreten – Vokabeln wie „Quote“, „Kennzahlen“ und natürlich „jünger“. Wo wurden bei solchen Ansagen zur Programmstromlinienförmigkeit die Freien und deren Kreativität abgefragt? Wie insbesondere die Freien vom Dienstherren WDR behandelt werden, dafür gibt es nur eine Vokabel: illoyal.

Sendungen weg

In den Magazinsendungen und in den aktuellen regionalen Programmen wird schon seit einiger Zeit zusammengestrichen. Dann fallen ganze Sendungen weg, im TV etwa „Hier und Heute“ oder „Cosmo-tv“.

Der WDR wirft anscheinend auch im hohen Bogen eine seiner Kernkompetenzen über Bord: den Wissenschaftsjournalismus. Bei dieser Institution mit langer Tradition wird die Kettensäge angesetzt. Tom Buhrow verrät seine ignorante Haltung, wenn er den Wissenschaftsjournalismus „Nische“ nennt. Prompt formiert sich eine Netzgemeinschaft unter der Protest-Website „keine-nische“ und die Facebookgruppe „Rettet #nano!„. Es regt sich Widerstand, unterstützt von den Gewerkschaften ver.di und DJV. Und außerdem hat doch glatt jemand eine Seite eingerichtet, die brisante Interna preiszugeben verspricht: WDRLeaks. Prima, dachte ich, jetzt erfahre ich beispielsweise endlich, was an den vielen über die Jahre auf dem Flurfunk gehörten Gerüchten über allerlei Klüngeleien stimmte. Hm, und dann stellte sich WDRLeaks selbst ein. Tja, dann war wohl nichts dran an den Klüngelgerüchten. Stimmt ja, Klüngel gibt’s nicht, schon gar nicht in Kölle.

Danke für die schönen Jahre

Ich bin „ein Kind des WDR“, nach einem motivierenden Schnupperkurs beim SWR dann über die Jahre meiner Mitarbeit vom Kölner Großsender geprägt worden. Mir wurde insbesondere journalistisch ein hoher Anspruch vermittelt. Auf der angstvoll-krampfhaften Quotensuche der meisten Redaktionen (eigentlich aller, denn leider ist WDR-intern untereinander ein eifersüchtiges Rechtfertigungsklima entstanden) hat man in jüngster Zeit mittlerweile aber fast alle Ideale über Bord geworfen, dimmt nun das Niveau der Sendungen mit billigen Effekten zugunsten der Anbiederung an eine willkürlich definierte Altersgruppe. Das Programm soll „jünger“ werden.

Dazu müssen auch die „alten“ Mitarbeiter gehen. Einen Turn, eine Ablösung gab und gibt es in jedem Unternehmen – ein normaler Prozess. Allerdings geht er innerhalb der letzten Jahre wirklich rasant. Aber nicht etwa, weil die „nachwachsenden Jungredakteure“ das forcieren und in die Redaktionen drängen oder weil entsprechend junges Publikum ein besonders auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Programm jetzt unbedingt haben muss. Nein, es liegt am Internet und seinen stark gewachsenen Datenübertragungsraten. Und damit dem veränderten Informations- und Unterhaltungskonsum aller. Gut, natürlich besonders dem der jungen Menschen. Denen muss man, so die Idee der Entscheidungsträger in den ARD-Anstalten und insbesondere im führenden WDR, das lineare Programm doch schmackhaft machen können. Hallo, geht’s noch? Die vermeintliche Zielgruppe schert sich „einen feuchten …“ um euer TV- oder auch Radioprogramm. Insbesondere Fernsehen funktioniert in Zeiten von On-demand nicht mehr. Es ist also keine Frage von „jung“, sondern von „digital“.

Das Denken der WDR- und auch ARD-Oberen ist immer noch Daumen-bestimmt. Sie meinen, der (jugendliche) Zuschauer zappt mit dem Daumen auf der Fernbedienung im TV-Programm quer und bleibt dann beim hippen, neuen, jungen Programm des WDR hängen, weil es sich mit der Verjüngungs-Offensive angeblich so enorm vom Gezappel auf den anderen Kanälen unterscheidet. Big fail! Was bitteschön ist innovativ an einer schlechten Kopie von Formaten der Privatsender? Sowohl thematisch als auch von der Machart erkennt der Zuschauer beim Zappen lediglich oben links oder rechts einen Unterschied: bei der Senderkennung.

Die über die vergangenen fünf Jahre schon vielen verpassten Chancen, die vielen uninspirierten Programm-Verjüngungsversuche liegen allein im kurzsichtigen, alten Denken des WDR-Managements. Vor kurzem habe ich noch ein Wirtschaftslehrbuch in der Hand gehalten, von Bernd Wirtz: Medien- und Internetmanagement. Sehr interessant. Denn beim Blättern begriff ich plötzlich, woher die Entscheidungen der WDR-Großkopferten stammen. In dem Buch stehen nämlich sehr interessante Ausführungen über die Zusammenhänge von Produktion und Distribution.

Was allerdings in diesem Buch fehlt, ist der menschliche Faktor. Und genauso verfährt derzeit der WDR: er handelt nur nach wirtschaftlichen Maßstäben und vergisst dabei seine Mitarbeiter.

Kompetenz-Exodus

Der Effekt: Nicht wenige Redakteure und Redakteurinnen sitzen ihren Job regelrecht ab, gehen in die innere Emigration. Und die meisten freien Kollegen haben es schon oder sind dabei – sie orientieren sich anders, kehren dem WDR den Rücken. Denn der ist schon länger nicht mehr der zuverlässige und loyale Arbeitgeber, der er einmal war. Mit einer guten und professionellen Zusammenarbeit zwischen Freien und Redaktionen, fairen Verhandlungen um Themen und Honorare, großzügigen Sozialleistungen usf. Das alles ist auf breiter Flur gekippt und gekappt.

Derzeit mache ich mir Sorgen um einen guten Ausgang der „Geschichte WDR“ à la „… dann sendet er noch heute“.

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2 Antworten zu Es war einmal … der WDR

  1. Dirk Carolus schreibt:

    Kann ich so bestätigen: Der WDR schafft sich ab und versucht es mit „Biegen&Brechen“, um in den Polemik-Sumpf oder Phrasen-Müll von RTL, Pro7 oder Sat1 und Co. zu kommen. Wer hat dem WDR nur diesen Spleen in den Kopf gesetzt!?
    Ich bin erst vor knapp 2 Jahren in NRW aufgeschlagen. Vorher war ich „NDR“ Kunde – dann wurde ich, im Zuge meines regionalen Interesses, „WDR“ Kunde. Im ersten Jahr war noch alles relativ in Ordnung. Seit Monaten nun schon empfinde ich aber die Beiträge wie auch die Positionierung und den Inhalt der Beiträge als störend, irritierend und wenig inspirierend.
    • Wie umgehen mit der „Wespen-Plage“? Gefahren und Hilfe!
    • Wird man auch im Schatten braun? Gefahren und Hilfe!
    • WDR2 und Miss Piggy
    • Urlaubsgrüße vom Strand/offline
    • Etc. und etc. …
    Okay WDR – ich kann voll und ganz verstehen, dass ihr Euch den neuen Medien weder verschließen könnt noch dürft. Aber ein 1Live, Leverkusen.de oder HipHop.com Publikum werdet Ihr damit nicht erreichen. Diese Medien sind mehr als nur etabliert und sind, für diese Zielgruppe, mehr als nur „besser“ als der WDR. Der Alters- und Sozialindex Eurer letzten Erhebung zeigt doch deutlich, wo der WDR seine Zielgruppe abholen kann und sollte!?
    Und Ihr wundert Euch, dass Eure Redakteure nur noch die Zeit absitzen und „Nase-popeln“!? Wofür „Content“ erarbeiten, wenn Hartz 4-7, Social-Vip´s der C-E Klasse und deren Fans eh nicht (und erwiesenermaßen) zur Zielgruppe des WDR gehören.

    PS: Ich bin wieder beim NDR. Sorry – selbst „Köln TV“ ist jetzt schon informativer!

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  2. mindthegaplondon schreibt:

    Na, das ist ja lustig! Macht der WDR vielleicht doch was richtig angesichts der Tatsache, dass Sie eine seiner markantesten Radiomarken gar nicht als solche erkennen? 1Live, ehemals WDR 1, ist der Jugendsender des WDR, hat es aber über die Jahre verstanden, sich vom öffentlich-betulichen Image seines Mutterhauses abzusetzen und nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das jetzt gut finden soll oder traurig, und was mir das alles über die Zukunft(-sfähigkeit) des Senders sagen soll.

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