Netflix-Chef: ARD und ZDF in zehn Jahren unnötig

Klaus Bergner

ARD und ZDF in zehn Jahren tot!

ARD und ZDF in zehn Jahren tot!

Unser Fernsehen mit den familienfreundlichen Samstagabendunterhaltungsshows, den optimal sedierenden Pilcher-Adaptionen, den im Nachtprogramm versteckten kritischen Dokus und den konservativ-frischen Schmunzelkrimiserien braucht Reed Hastings zufolge keiner mehr. Laut eines Artikels der FAZ (10.05.2015) sind ARD und ZDF überflüssig. Der Boss von Netflix glaubt demnach nicht, dass sich in zehn Jahren noch jemand am Sonntagabend um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen würde, um den „Tatort“ zu schauen.

Hastings hat Unrecht

Für wen hält der sich? Wie kann der sich anmaßen, eine derartige Einschätzung abzugeben? Noch zehn Jahre? Blödsinn, fünf Jahre sind realistischer! Und eigentlich ist die von ihm beschriebene Zukunft schon längst Gegenwart.

Das zeigt sich in verstärkter Migration. Migration der Zuschauer von der linearen Programmberieselung zur gezielten Auswahl in den Mediatheken der Sender, der Unterhaltungs- und Informationssuche in den Videoportalen Youtube, Vimeo, sowie Zukäufen via Sky und anderen Streamingportalen.

Net sucks

Das lineare TV scheint seinen Reiz und Daseinsberechtigung eigentlich nur noch in der Live-Krisenberichterstattung zu haben. Diese streamen ARD und ZDF aber auch schon auf den Internetseiten. Migration leichtgemacht. Den Umzug hat laut der ARD-Onlinestudie von 2014 die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen schon deutlich geschafft, nur bei den 30- bis 49-Jährigen und den Ü50ern liegt die Dauer des täglichen TV-Konsums natürlich noch über der des Internetkonsums. Wir Alten wurden halt so sozialisiert. Mit der Zeit werden immer mehr Nur-Fernsehseher den, äh, die Fernbedienung abgeben. Das demografische Bild verschiebt sich zugunsten des Internets.

Nebenbei: die großen Verlagshäuser „bauen digital um“, die Sendergruppen des Privatfernsehens, die gewaltig unter allgemeiner Kreativlosigkeit im Programm und Einbußen bei den Werbeeinnahmen leiden, befassen sich mit Sicherheit auch schon mit einem Fluchtplan ins Netz.

Jugendwahn

Kritische Leser dieser Zeilen werden denken, dass das mit den zehn Jahren nicht ginge, also dass man ARD und ZDF nicht abschaffen könne. Immerhin haben die – gesetzlich geregelt – einen Versorgungsauftrag zur Information der Bevölkerung. Wenn man sich das auf „jung“ getrimmte Programm der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten anschaut, dann könnte man meinen, dass sie den Versorgungsauftrag nicht mehr so ganz ernstnehmen. Denn in der aufgeregten Ausrichtung an der Einschaltquote und dem entsprechend verordneten Verjüngungszwang blieben anscheinend echte Kreativität und Innovation auf der Strecke. Das Programm ist für die Jungen überhaupt nicht interessant, meist empfinden sie jung Gemeintes eher anbiedernd. Und die Alten fühlen sich vergessen, nicht mitgenommen.

Verjamesbluntisierung

Inhalte und Machart werden auf eine Art getrimmt, wie sich die Verantwortlichen der Öffentlich-Rechtlichen das „Jugendliche“ vorstellen. Dazu kopieren sie bspw. haufenweise Ranking- und Ratgeber-Formate der Privaten. Das sieht dann so aus: Man stilisiert ein Alltagsproblem zur globalen Katastrophe, garniert den Jump-Cut-White-Blur-Schnitt der Reportage eines angestrengt in die Kamera grinsenden Investigativ-Reporterteams mit allerlei Prozent-Grafiken (im Beitrag mit Geräuschen wie „Plopp“, „Zoing“ oder „Wusch“ eingefahren) und rundet das Ganze mit Charts-Musik ab. (Zur Wahl stehen dabei Stücke von James Blunt, James Blunt oder James Blunt.) Die Redakteurinnen der Sendungen, die das dann ausstrahlen lassen, mögen glücklich damit sein (James Blunt).

Aber auf diese Form des Fernsehens angesprochene Vertreter des Zielpublikums (U30 halt) können damit überhaupt nichts anfangen und gucken schnell wieder aufs Smartphone. Meine Beobachtung stützt sich auf Diskussionen in mehreren Uni-Seminaren. Genauso wie sich die Einschätzung, dass das ältere Stammpublikum sich vernachlässigt und nicht mehr ernst genommen fühlt, auf Gespräche in Wartezimmern und Kaffeekränzchen stützt. Unhaltbar und nicht repräsentativ? Gegenfrage: mittels Messgeräten in 5640 Haushalten quer über die Republik verteilt bestimmt die GfK täglich die Einschaltquoten – hm, repräsentativ?

Netz verflixt

Mit seiner Zehnjahres-Prognose wollte Netflix-Chef Reed Hastings – neben dem werblichen Aspekt – vielleicht Rücksicht zeigen. Freundlicher Mann. Allerdings: der Trend bleibt. Das Internet kapert alles.

Realistisch erscheint mir: Maximal noch fünf Jahre, dann beginnen Zeitungen (wie die mit den großen vier Buchstaben) massiv gegen die GEZwangsgebühr und das farblose Privaten-Kopier-Programm der Öffentlich-Rechtlichen anzuschreiben. Vielleicht noch fünf Jahre, dann wird die Forderung laut, mindestens das ZDF abzuschaffen (obwohl die Mainzelmännchen in den letzten Jahren bspw. auf „neo“ ziemlich gute und echt „junge“ Sachen entwickelt haben). Vermutlich noch fünf Jahre, dann werden sich aufrechte Politiker gegen das ÖR-Fernsehen stellen, gegen dasselbe also, in dem sie heute noch von Montag bis Sonntag die Talkshows befüllen. Ach so, Gesetze – sind eh zum Verändern da.

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Eine Antwort zu Netflix-Chef: ARD und ZDF in zehn Jahren unnötig

  1. MeisterM schreibt:

    Zutreffende Analyse – deshalb Vorschlag: ARD schrumpfen zu einer Sportrechte-Agentur, die sich um ’national bedeutsame Sportereignisse‘ wie Fußball und die näxten Boris-Becker-Steffi-Grafs kümmert fürs nationale Fernsehen. Den Rest an ARD einstellen – vielleicht noch einen Weihnachts-Zweiteiler. Ansonsten die Landes-Sender senden lassen, was die Menschen in den Ländern bewegt. Das wäre der vor-ZDF-Zustand plus ZDF – ein nationaler Sender reicht und Länder-TV machen die WDR/SWR/HR/MDR/NDR’s etc. Einziges Problem: Der Tatort, den könnten manche vermissen. Aber das ist ja auch heute schon nur der übliche Phantomschmerz, wenn nach einem gutem Tatort fünfzehn schlechte laufen.
    Meint: Meister Marcus.

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