Fasten – Verzicht auf Süßigkeiten und das Lästern

Beatrix von Kalben

Definition: Fasten ist der freiwillige Verzicht auf feste Nahrung, Genussmittel oder gewohnte Tätigkeiten für eine bestimmte Zeit.

Jedes Jahr faste ich, verzichte ich von Aschermittwoch bis einschließlich Karsamstag auf meine heiß geliebten Süßigkeiten und eine Tätigkeit, die mir zur Gewohnheit geworden ist: wie zum Beispiel das Fernsehen. Dieses Jahr 2015 ist es, eingedenk des Aufrufs der evangelischen Kirche „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“, das Lästern.

Ich faste, verzichte – sieben lange Wochen auf Schokolade und lästere nicht.

Jeder Fasten-Anfang ist schwer und jedes Jahr aufs Neue. Ich liebe Schokolade, ich liebe Kuchen. Wenn ich gestresst bin, hilft mir ein Täfelchen Schokolade zu neuem Glücksgefühl. Jetzt in der Fastenzeit ist es aus damit. Schokolade, Gummibärchen und Bienenstich sind tabu. Und schon während ich das schreibe, sammelt sich Speichel im Mund, ich fange an leicht zu sabbern. Dieses Fasten nach Karneval ist hart für mich, wo bis vor einer Woche noch Kamelle, Pralinschen und Schokolädchen in Massen flogen und in meinem Magen schunkelten. Und sieben Wochen ohne Lästern. Ich werde sehen wie dieses Fasten läuft.

Fasten – was ist das?

Das Wort „Fasten“ kommt vom althochdeutschen fasten, was bedeutet: an den Geboten er Enthaltsamkeit festhalten. Im Mittelhochdeutschen steht „vaste“ für „fest“, „befestigen“. Wer fastet, der festigt sich. Allgemein gültige Fastenregeln gibt es nicht. Sie wurden im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Ärzte, Schamanen und Naturheiler oder religiöse Führer wie Jesus Christu oder Buddha setzten das Fasten aus unterschiedlichen Motiven ein und bedienten sich dabei verschiedener Methoden. Die großen Religionsführer erkannten früh: Fasten macht nur dann Sinn, wenn es in den natürlichen Lebensablauf integriert wird und warnten vor Übertreibungen.

Fasten – die Religionen

Im Christentum fällt die Fastenzeit auf Aschermittwoch bis Karsamstag – die Zeit vor Ostern – sieben lange Wochen. Jesus fastete 40 Tage in der Wüste. (Matthäus 4.1.) Ihn führte das selbstkasteiende Fasten nicht zur Selbsterkenntnis. Buddha fastete so streng bis er zum Skelett abgemagert war und fiel vor Erschöpfung in Ohnmacht. Auch er erkannte, rein körperliche Kasteiung führt nicht zur Erleuchtung. Der Buddhismus lehnt deshalb Fasten im strengen Sinne ab. Beide Religionsbegründer lehrten, Gott sei so nahe, da bedürfe es keiner besonderen Mittel, um zu ihm zu gelangen. Aber auch andere Religionen kennen Fastenzeiten: Muslime halten sich während des Ramadans an strenge Regeln. Sie essen und trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht. Das Judentum kennt Jom Kippur oder Tischa be-Aw. Für Frauen ab zwölf und Männer ab 13 sind es Fastentage ebenfalls von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. 25 Stunden lang.

Heilfasten nach Buchinger

Das sogenannte Heilfasten geht auf den Mediziner Otto Buchinger (1878 bis 1966) zurück. Er litt an einer unheilbaren chronischen Krankheit und fastete deshalb 1919 drei Wochen lang. Nach dem Erfolg dieser Kur beschäftigte er sich näher mit dem Fasten. 1920 gründete Buchinger eine Fastenklinik in Bad Pyrmont. In Buchinger Kliniken fasten Menschen zur Prävention und Therapie von Krankheiten wie zum Beispiel Allergien. Es wird aber auch Fasten für Gesunde angeboten. Heilfasten nach Buchinger verbindet das ärztlich betreute, stationäre multidisziplinäre Fasten. Es wird die medizinische, mitmenschliche und spirituelle Dimension des Menschen berücksichtigt. Wenn Menschen in Kliniken oder Klöstern zusammen fasten entsteht immer eine besondere Gruppendynamik. Die spirituelle Dimension, der natürlicher Zugang zu höheren Bewusstseinszuständen, wird in allen großen Weltreligionen besonders angesprochen. Otto Buchinger betonte auch wie wichtig es beim Fasten sei, die Seele gesund zu halten oder gar zu heilen. Das erreiche man durch Lesen spiritueller Texte, Musik, Bildkunstbetrachtung, Natur, Humor und Meditation. Traditionell werden beim Heilfasten Gemüsebrühe, Obst- oder Gemüsesäfte, manchmal Honig sowie reichlich Tee und Wasser angeboten. Drei Wochen Fasten in der Fastenklinik in Überlingen mit Rundum-Betreuung nach der Buchinger-Wilhelmi-Methode bedeutet Verzicht auf ganzer Linie, denn auch das Konto wird schnell um 5000 € erleichtert. Inzwischen gibt es zahlreiche Anbieter Kliniken, Klöster, Hotels, die Fastenkuren mit spirituellem, meditativem oder Sportprogramm kombinieren. Einmal „Fasten wo?“ bei Google eingeben und schon poppen die Angebote auf den Bildschirm auf.

Fasten – warum?

Ich verzichte während der Fastenzeit auf Süßigkeiten. Warum? Ja, warum. Weil ich nach sieben Wochen wieder zu schätzen weiß, in welchem Luxus ich lebe und wie lecker ein Stück Kuchen schmeckt. Es ist herrlich, wenn ich Ostersonntag das erste Mal in ein Stück Hefezopf mit Rosinen beiße, bestrichen mit Butter und Honig. Wenn nach dem Osterbraten, die Mousse au Chocolate süß und zähflüssig den Rachen runtergleitet. Meine Geschmacksnerven erleben dann eine Explosion. Glückshormone werden ausgeschüttet und ich schwelge im Geschmackserlebnis. Würde ich nicht verzichten, wüsste ich den Luxus und Genuss von Schokolade oder Kuchen weniger zu schätzen und zu genießen.

Fasten von Streit und Lästern

Das nichtstoffliche Fasten ist ebenfalls eine Herausforderung. Selbst meine Patenkinder, beide elf Jahre alt, fasten. Jana isst kein Fleisch. Anika, die schon Vegetarierin ist, verzichtet auf Nutella-Brot am Morgen. Und was noch toller ist: die Zwillinge, die sich sonst jede freie Minute streiten, verzichten sieben Wochen auf das Streiten. Welche Ruhe, welche angenehme Atmosphäre. Und ich faste sieben Wochen neben den Süßigkeiten vom Lästern. Verzichte darauf über andere Menschen herzuziehen und schlecht zu sprechen. Und erwische mich nach einer Woche immer wieder dabei, wie oft ich mir das Lästern verkneifen muss. Ich bin aufmerksam, kontrolliere, was ich tue und sage. Und stelle entsetzt fest, lästern ist für mich scheinbar normal, ich tue es ohne es auch nur zu merken. Immer wieder muss ich mich stoppen. Eine interessante Erfahrung, eine gute Erfahrung.

Fasten – Resumee

Fasten ist für mich jedes Jahr eine wichtige Zeit, die mir neue Erkenntnisse bringt und mir zeigt wie gut ich es hier in Deutschland habe, wo mir alle Lebens-und Genussmittel zur Verfügung stehen. Und dieses Jahr merke ich, wie schlecht ich teilweise mit meinen Mitmenschen umgehe, sie versuche runterzumachen. Vielleicht schaffe ich es, auch nach Ostern das Lästern einzustellen, jetzt wird es mir zumindest bewusst. Aber erst einmal liegen noch sechs Wochen vor mir – übrigens während ich diesen Text schreibe, kaue ich brav auf einem Apfel und zähen getrockneten Bio-Mangostückchen herum. 🙂

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