Kunstbanause(n)

von Corinna Watschke

Vor einigen Tagen war ich auf einer, über den Düsseldorfer Raum hinaus recht angesagten Kunstausstellung. Einer sich jährlich wiederholenden Werkschau junger Kunstschaffender der Düsseldorfer Kunstakademie. Mit ihr bringt man Namen wie Beuys, Lüpertz, Immendorff, Becher, Gursky, Ruff, Struth oder Richter in Verbindung.

Diese Rundgänge finde ich immer spannend. Was wird dieses Jahr gezeigt? Ich liebe die Atmosphäre junger, unbekümmerter Kreativität, die damit verbundene Freiheit – und den Geruch der Räume nach Farbe und anderen Werkstoffen. Kurzzeitig fühle ich mich auch wieder jung.

Aber nur kurz.

Als Erstes – wie eigentlich immer – Atemlosigkeit, Engegefühl. Wegen der vielen Leuten, die auch gucken wollten. Und dann wegen der Sturzflut der vielen, vielen Kunstprodukte, die mich schier überrollten.

Eines möchte ich deutlich machen. Junge Kunst Studierende müssen sich erproben dürfen, egal wie, nur so finden sie ihren Weg, der sie vielleicht einmal in bedeutende Galerien führt. Sie müssen Kunst machen dürfen, die mich ratlos macht, weil ich sie nicht verstehe – oder verstehen möchte. Sie müssen sich irren dürfen. Dinge machen dürfen, die mir naiv und unreflektiert erscheinen, ausgerichtet an schnell verteilten Etiketten –  ganz einfach, weil sie noch jung sind, Tiefe und umfängliche Reflexion aber oft erst über viele Jahre entsteht.

Aber als ich so durch die Gänge und Klassen ging, wurde ich immer unruhiger, frustrierter, ratloser. Was ich zu sehen bekam, hob mich meist nicht, führte nicht mein Auge, sondern ließ es abprallen. Machte mein Hirn zu einem Betonblock. Sicher, es gab einige Räume, die mich aufatmen ließen. Aber insgesamt fand ich in den vielen Stockwerken nur Weniges, das mich beflügelte, Erstaunen oder Bewunderung erzeugte.

Bin ich zu ungeduldig, vielleicht zu einseitig, konservativ geprägt in meinem Kunstgeschmack? Vielleicht zu kritisch – oder verweigere ich mich einfach einem Kunstansatz, der mir zu viel Raum für Interpretationen gibt. Der mich gnadenlos zwingt, das Werk fast ausschließlich in meinem Kopf entstehen zu lassen.

Ich möchte hier, da ich kein Kunstkritiker, sondern nur Konsument bin, weder einzelne Kunstwerke als gut und besonders, noch als schlecht oder ideenlos kritisieren. Das würde den Studierenden und Absolventen der Akademie in meinen Augen auch nicht gerecht werden. Aber ein Eindruck bildete sich in mir, als ich mich erschöpft zum Gehen wandte: Kunst reflektiert ja bekanntlich die Gesellschaft. Zeigt Strömungen, gibt weiterführende Impulse, legt Verborgenes offen. Und wenn ich das nun auf das Gros des Gesehenen übertrage, dann ‚Gute Nacht, Marie‘. Dann sieht’s echt düster aus für unsere Gesellschaft – die Essenz:  um sich selber kreisend, einsam, theoretisierend,  verkopft, am Schönen und Ästhetischen vorbei in den hässlichen Abgrund der Hoffnungslosigkeit strudelnd. Oh Mann/Frau.

P.S.:

Allerdings, ein paar kleine Erwähnungen möchte ich doch noch zum Besten geben – und das sind die Dinge, die mir beim Rundgang richtig Spass gemacht haben – und vielleicht es ja genau das, was Kunst, selbst wenn sie verkopft sein sollte,  auch erreichen will.

Hier also meine persönlichen, freudigen Erlebnisse beim diesjährigen Rundgang:

1. 1_IMG_6541Eine klaustrophobisch schmale Türöffnung ins tiefe Schwarz. Einige warten draußen, ich auch, andere gehen rein. „Und????“   „Ja.“  ( Grinsen, das mir alles sagt.)

 

 

 

2. 2_IMG_6555  „MOMENT!!!!!!!  DAS IST MEINE ARBEIT!!!!“ (Junges Paar findet das einzige saubere Waschbecken auf der ganzen Etage. Sie dreht den Wasserhahn auf & beginnt ihre Hände zu waschen….. das Ende der Geschichte: schämen und putzen)

                                             2_IMG_6545


3.  „Stefan.“ —  „Wart mal.“ —  „STEFAN – WART MAL!!!“ ——- / —— / ——–„STEFAN, WAS ist DAS????“ (echtes, großes, staunendes, tief gehendes Interesse verbunden mit ausgiebiger Betrachtung des Werks!!!) 3_IMG_6559

Stefan:  ————- „Ja.“ ———- „Jaaaa.“ ————- „Hmmmmm……….“

 

 

 

4. „Auf was für Ideen DIE kommen!“ 4_IMG_6561 (eine ältere Besucherin, die sich deutlich ihrer Gefühle nicht so ganz sicher war, im Vorbeigehen zu mir über den getrocknetem, ledrigen Oktopus)

 

 

5. Hah, dachte ich mir. Da ist er wieder der obligatorische, stinkende Fisch, der eigentlich irgendwie jedes Mal dabei ist. Der trotz allem belebende Sinnesreiz.  Diesmal nicht stinkend, weil eingegossen in etwas Festes.  5_IMG_6573Aber  – Enttäuschung – bei näherer Betrachtung war’s nur ein Stück Lehm oder so was. Sehr schade. Ich hab den Fisch vermisst. Hätte ich gar nicht gedacht.

 

 

 

 

6. Eine Aktion, die nicht nur mir Spaß gemacht hat:

7_IMG_6591  7_IMG_6605

7. Die wiederkehrende Erkenntnis, dass verschiedene Werke ergänzend Betrachter brauchen, um vollkommen, eins zu werden. 8_IMG_6653

8. Das Entdecken und nachfolgende Handeln, dass man Manches mit bloßem Auge nur erahnen kann und erst mittels eines zusätzlichen Mediums deutlich sichtbar machen kann.  9_IMG_6658 (nicht neu, aber….)  Zur Erklärung für diejenigen, die die Bilder nicht leibhaftig gesehen haben – erst das Foto ließ den Inhalt sichtbar werden, so stark war es gepixelt.

 

 

 

 

9. Auch witzig irgendwie: vorher – nachher…. wer würde nicht mal gerne…. (ich weiß, ist schlecht zu sehen, es geht um das, was an die Wand projiziert wurde)

10_IMG_6570  10_IMG_6571

(Wer es trotz Vergrößerung, Bildbearbeitungsprogramm und Lupe immer noch nicht erkennen kann – es wurde ein Video gezeigt, in dem ein junger Mann im Wald vor einer großen, kalten, dreckigen Pfütze steht, sich reinfallen läßt und pitschnass wieder raus steigt)

10. Zu guter Letzt noch- spätestens jetzt, meine Offenbarung als Kunstbanause: 11_IMG_6679  dieses Zarte, Zerbrechliche, unschuldig Weiße der unzähligen Eischalen, wohl geordnet, zog mich magisch an. Offenbarte eine verborgene Seite in mir – soll ich? So ganz aus Versehen? Eins nur – ein Einziges – oder auch zwei, drei mit einem kleinen, unvorsichtigen Sidestep… Oder so viele wie nur möglich – mich einfach reinfallen lassen, das zarte Knacken und Bröseln unter mir hören??? Ich hätte so gerne – und ich weiß – in diesem Raum war ich nicht allein mit diesem Wunsch – ich hab’s genau gehört 🙂

 

P.P.S.:                                                                                                                                                      Und zu aller guter Letzt noch einige unkommentierte, wahllose Impressionen vom Rundgang

6_IMG_6582  6_IMG_6580 6_IMG_6579  0_IMG_6642  0_IMG_6643 0_IMG_6631 0_IMG_6674 0_IMG_6662 0_IMG_6530 0_IMG_6534 0_IMG_6639 0_IMG_6548 0_IMG_6621 0_IMG_6628 0_IMG_6702 0_IMG_6558 0_IMG_6547 0_IMG_6610 0_IMG_6526   0_IMG_6535

 

 

 

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Über mmcorinna

Journalistin, Fotografin, interessiert an Wissen, noch mehr Wissen, an schönen Dingen und Menschen, die zu sich stehen, ohne dabei ständig Nabelschau zu betreiben.
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Eine Antwort zu Kunstbanause(n)

  1. Blogbeobachter schreibt:

    Falls das nach einem halben Jahr noch jemanden interessiert …

    Die Idee zu 4.) heißt ganz schnöde: Beelitz Heilstätten. Dort haben sie ein sehr ähnliches Objekt (mumifizierter Hund auf Möbelstück), dekorativ für die Fotografen angerichtet, um durch Emotionen eine optimale Vermarktung – oder so.

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