Stadt, Land, Fluss

Wir schlauen Blogger, Schreiber und Filmer leben und wissen ja meist viel vom Leben in den Städten. Selten sehen wir aufs Land. Wenn, dann zum Schlitten fahren oder wir sehen die Provinz als Strecke zwischen zwei Städten an. Das dort auch Themen liegen, journalistisch ertragreiche Dinge geschehen, diese Geschichten übersehen wir oft. Und Redaktionen als Auftraggeber machen es mitunter noch mal schwieriger mit einem Provinz-Thema zu landen, wenn sie die Relevanz-Keule schwingen: Was soll das fünf Millionen im Ruhrgebiet/Rheinland/Metropole XY interessieren, was an der Peripherie passiert? Das kann ich nicht beantworten. Das kann ich aber für die meisten Themen nicht, die ohne unmittelbare Todesgefahr, Terrorismus oder Sex auskommen müssen.

Mit diesem Prolog will ich natürlich rechtfertigen, über ein Thema aus der Peripherie zu berichten und natürlich ist es in der großen echten Welt der bezahlten Journalismus schief gegangen. Die Redaktion hat etwas Recherche bezahlt, einen Film für die Welt gab es nicht. Ob das am Thema liegt oder an meinem Ungeschick oder weil Geschichten vom Rand des Landes nunmal special interest sind – Blogosphäre sprich mit mir!

Salz, Fluss, Bergwerk

Der Fluss, das Salz und wie das da hinein kommt – die Lippe ist ein gar nicht so kurzer, aber eher flacher Fluss am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, vom Lipperland bei Paderborn kommend mündet sie bei Wesel in den Rhein. Trinken mag keiner aus ihr (es sei denn, Fische, dazu kommen wir noch), weil: Zuviel Salz (heißt: Chlorid) drin, als dass das Wasser für Trinkwasser genutzt werden könnte. Seit vielen Jahren schon. Der Meß-Wert für Salz liegt etwa doppelt so hoch, wie er sein sollte*, er schwankt je nach Flussstelle und je nach Nähe zu einem Rohr aus dem Untergrund. Denn aus dem kommt das Salz: Grubenabwasser sagt der Bergmann. Also hochgepumptes Wasser aus den Kohlezechen unter dem Fluss von Hamm bis Wesel. Aus bis zu 1000 Meter Tiefe kommt das Wasser, ist einst als Regen versickert, dann in die alten Stollen unter Tage geflossen. Damit die nicht voll Wasser laufen und irgendwann die Oberfläche noch mehr nachgibt, pumpt die RAG-Bergwerksgesellschaft das Wasser hoch. Nicht wenig: etwa 80 Mio. Kubikmeter im Jahr zwischen Ems, Lippe, Emscher und Ruhr. Viel Salz ist nun drin, natürlicherweise, weil die 1000 Meter Boden eben auch salzhaltig sind. Aber: Die Konzentration (das Foto zeigt, wie das Salz sonst ins Wasser kommt… und es ist nicht die Lippe!)

Salz1

macht das Gift, deswegen ist nicht mehr lecker was in die Lippe fließt.

Angeln kann man schon, wenn auch nicht alle Sorten hier anbeißen, die sollen: Flussneunauge zuwenig, For

elle zuviel, sagt das LANUV, das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz. Den Anglern wurscht, weil Fisch am Haken ist ja schon was und schmecken tun sie alle. Es sind also Schuppenträger da – und das reicht doch? Die einen sagen so, die anderen so – unbestritten ist: Der Mensch verändert diesen Fluss vielfältig (auch das warme Abwasser aus den etwa sechs großen Kraftwerken gefällt manchen heimischen Fischen nicht, aber bevorzugt eingewanderte Arten aus dem Süden) und man kann das so hin nehmen.

Geld, Kosten, Fische

Man kann aber auch sagen, wer diese Veränderung erzeugt und von ihr profitiert wie der Bergbau, der muss auch den Zustand vor der Nutzung herstellen. Man räumt doch auf, wenn man seinen Platz verlässt, oder? Das Aufräumen des salzigen Erbes aus den Zechen geschieht aber allein durch Verteilung und Verdünnung in die Umwelt, die keinen Preis dafür kennt. Denn teuer wäre richtig korrektes Handeln: Die RAG hat 2004 mal überschlagen (lt. einer Auskunft im Rat der Stadt Gelsenkirchen), wieviel das Entsalzen an den Quellen kostet und kam auf 135 Mio. Euro – im Jahr! Dann lieber nicht, hat man sich wohl gedacht und keine Behörde sagt etwas dagegen. Das ist praktisch und stört halt nur ein paar Fische, wie beschrieben. Das Thema so gesehen hatte keine Chance in der Redaktion gemocht zu werden – nicht relevant genug. In der Behandlung zeigt sich für mich, dass jenseits von Skandalen und vielen toten Fischen/Menschen solch ein erklärungsbedürftiges Thema aus der Peripherie des Berichtsgebietes keine Chance hat, berichtet zu werden. Und die Peripherie fängt etwa 50 km vom Stadtkern der großen Städte an. Was schon schade ist. Oder was sagt die Blog-lesende Minderheit?

Fragt Marcus Bednarek, Freier Journalist Bild, Ton, Text

*Wie die Chlorid-Konzentration sein sollte, was kein gesetzlicher Grenzwert verbindlich festlegt, ob das nur die Fische interessiert oder auch die Menschen – das, liebe Kinder, ist zuviel Thema für einen Blog und deshalb heute nicht weiter. Nur soviel: 200 mg/l Chlorid max. fordert die EU in der Wasserrahmenrichtlinie zum Erreichen des guten ökologischen und chemischen Zustands, 100 mg/l wären richtig gut. Der Salz-Gehalt in der Lippe erreicht im Mittel 2013 zwischen 305 mg/l an der Mündung und 82 mg/l bei Lippborg, 145 km stromauf. Maximal werden fast 400 mg/l erreicht, in früheren Jahren war es zum Teil deutlich mehr, alle Zahlen lt. LANUV NRW.

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