Süchtig nach dem Smartphone

von Beatrix von Kalben

Die App "Menthal"

Die App „Menthal“ zeichnet das Smartphone-Verhalten des Nutzers auf.

Yvonne Rhode ist 20 Jahre alt. Derzeit wartet sie auf einen Studienplatz und kümmert sich um ihren Haushalt. Ihr Smartphone ist ihr bester Freund. Yvonne sagt über sich selbst: „Ich bin definitiv smartphonesüchtig, ich habe mein Handy immer überall dabei. Und wenn ich es mal liegen lasse, dann renne ich gerne mal zurück und hole es.“

Yvonnes Tag startet mit dem Smartphone-Weckruf und als erstes schaut sie, was auf Facebook los ist. Selbst im Bad ist das Gerät mit dabei, Musik duddelt auf Lautsprecher gestellt. „Meine Mutter hat zu mir mal vor ein paar Wochen gesagt, ich wäre mit dem Smartphone auf die Welt gekommen, weil ich das nicht mehr weglege.“

Yvonne ist smartphone-süchtig

Morgens mit dem Smartphone-Wecker aufwachen, Abends mit der Musik vom Smartphone einschlafen. 24 Stunden am Tag ist das Gerät dabei.

Ist das Smartphone kaputt, muss sofort ein neues her. Yvonne ist beileibe kein Einzelfall. Sie stellt lachend fest: „In meinem Freundeskreis gibt es ziemlich viele, die genauso viel am Handy rumdaddeln, oder sogar noch mehr. Wir schreiben in Facebook, WhatsApp und fotografieren mit Instagram, ich bin nicht die Einzige.“

Der Fachverband für Medienabhängigkeit – in dem Ärzte, Psychologen und Pädagogen vertreten sind – schätzt, dass 2 Millionen Deutsche abhängig vom Internet oder Computerspielen sind. Der Verband setzt sich dafür ein, dass Medienabhängigkeit als eigene Erkrankung anerkannt wird.

Problematisches Smartphone-Verhalten interessiert auch Informatiker und Psychologen an der Universität Bonn. Sie haben eine neue kostenlose App – für Android-Smartphones – mit dem Namen „Menthal“ entwickelt. Mit dieser App bekommen die Wissenschaftler zum ersten Mal belastbare Daten, was wirklich mit dem Smartphone passiert.

Professor Alexander Markowetz, Computerwissenschaftler, hat „Menthal“ programmiert. Er erklärt, wie die App funktioniert: „Menthal läuft im Hintergrund und schreibt da 24 Stunden und sieben Tage die Woche das Smartphone-Verhalten des Nutzers mit. Wir wissen, dass wir das mitschreiben müssen, da der Nutzer das selber nicht einschätzen kann, das wissen wir aus unseren eigenen Studien, wo wir Leute auch gefragt haben, wie lange glaubst Du, dass Du das Smartphone nutzt und das Ergebnis dann verglichen mit den realen Werten und das liegt wahrlich weit auseinander.“

Leben ohne Smartphone, nein danke!

Das Smartphone begleitet Yvonne sogar in den Stall.

Prof. Christian Montag ist der Psychologe im Menthal-Team, er weiß warum Menschen immer wieder und wieder am Smartphone hängen: „Der Mechanismus im Smartphone ähnelt ein wenig einem Glücksspielautomaten. Warum möchte ich eigentlich immer wieder mein Smartphone in die Hand nehmen? Weil ich eine kleine Belohnung erwarte, ähnlich wie wenn ich Geld in einen Automaten einschmeiße und auf Kirsche, Kirsche, Kirsche hoffe. So bekomme ich beim Smartphone eine kleine Nachricht, eine WhatsApp-Nachricht, die mich erfreut, eine Email, die mich erfreut oder vielleicht das Computerspiel, was ich jetzt zocken möchte.“

Menthal zeichnet die Bewegungen auf dem Smartphone auf

Die Daten liefert „Menthal“ an Server an der Universität Bonn.

Diese neue Zusammenarbeit zwischen Psychologen und Informatikern nennt sich Psychoinformatik. Menthal übermittelt die Daten verschlüsselt und anonymisiert an einen Server an der Uni-Bonn. Dort werden sie verarbeitet. Im Fall von Menthal ist es sinnvoll seine Daten weiterzugeben. Im Gegensatz zu vielen kommerziellen Apps, die Daten ungewollt vom Smartphone absaugen. Alexander Markowetz sieht „Menthal“ als ersten Schritt hin zu einem größeren Ziel. „Die zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist, die menschliche Psyche im Umgang mit digitalen Geräten irgendwie zu retten. Und da ist Menthal ein erster total kleiner Anfang, um das überhaupt erst einmal zu messen und zu schauen, wie kann man da überhaupt das Verhalten beeinflussen.“

200.000 Nutzer haben sich die App bis jetzt heruntergeladen. Die Ergebnisse nach den ersten Auswertungen haben Alexander Markowetz in vielerlei Hinsicht überrascht. „Ich glaube, wir haben mit Menthal mehrere Sachen gelernt, die wir so nicht erwartet hätten. Das eine ist, eine durchschnittliche Smartphone-Nutzung von drei Stunden am Tag ist wirklich massiv. Wenn man sich anschaut, dass man nur 16 Stunden hat, in denen man nicht schläft. Das andere ist die Anzahl der Unterbrechungen, wir haben 10 Prozent der Leute, die sich alle 10 Minuten selber unterbrechen, das war krass, das war unerwartet. Das Dritte ist, das von den drei Stunden am Tag alleine eine Stunde mit Facebook und WhatsApp verbracht wurde und das ist eine einzige Firma. Das heißt, wenn man das unter dem Aspekt der Aufmerksamkeitsökonomie betrachtet, dominiert eine einzige amerikanische Firma, ein Drittel der weltweiten mobilen Aufmerksamkeit. Und das war absolut unerwartet.“

Mensch, Hund und ...Smartphone.

Selbst beim Hundespaziergang ist das Smartphone dabei.

Yvonne hat sich die App Menthal heruntergeladen. Auch sie nutzt WhatsApp und Facebook am häufigsten. Sie hängt bis zu sieben Stunden am Tag vor dem Smartphone, eine Tatsache, die sie erwartet hatte. Was sie aber selbst verblüfft, sie entriegelt ihr Smartphone über 300 Mal am Tag. Damit unterbricht sie sich alle drei Minuten selbst, um aufs Smartphone zu schauen. Ihr Kommentar: „Boh, je mehr ich darüber quatsche desto mehr wird mir eigentlich bewusst, wieviel ich eigentlich mit meinem Handy zu tun habe. Man könnte echt meinen, ich habe das geheiratet.“

Allerdings gibt es bis jetzt keine eindeutigen Kriterien für die Smartphonesucht, erläutert Prof. Christian Montag: „Man wird auch noch kein Manual finden, wo Smartphone-Abhängigkeit als Begriff auftaucht, es gibt aber viele Facetten aus der klassischen Suchtforschung, die wir auch auf die Smartphone-Abhängigkeit anwenden. Das ist zum einen, die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone, auch wenn ich nicht online bin. Zum anderen gibt es eine Art Toleranzentwicklung, also steigenden Konsum, um die gleiche Befriedigung mit dem Smartphone zu erreichen. Und das Letzte, Entzugserscheinungen, wenn ich mein Smartphone nicht dabei habe, die Leute werden furchtbar nervös, wenn sie aus dem Haus herausgehen und sagen mein Smartphone ist nicht dabei.“

Allerdings zeigt die übermäßige Nutzung des Smartphones selbst bei Yvonne soziale Konsequenzen. Die Wohnung ihrer Mutter darf sie nur noch „ohne“ Smartphone betreten. Und … „Mein Exfreund hat sich damals deswegen von mir getrennt, weil er gesagt hat, ich führe die Beziehung mit meinem Handy und nicht mit ihm.“ Bis heute hält sie abends keinen Film ohne Unterbrechung durch, da sie sich immer wieder vom Smartphone ablenken lässt. Das nervt sie, das will sie ändern.

Die App Menthal soll helfen. Wie erklärt Prof. Alexander Markowetz:„Menthal ist die Waage für ihre digitale Diät. Das heißt, Sie können zum ersten Mal sehen wie fett bin ich in meinem Smartphone-Verhalten, ist das noch gesund, ist das zu viel und wenn ich denke, das ist zu viel und möchte das reduzieren, dann hilft mir die App zu sehen, ob mir das auch gelingt.“

Yvonne unterbricht sich selbst alle drei Minuten, um aufs Smartphone zu schauen.

Yvonne Rohde unterbricht sich selbst alle drei Minuten, um auf Ihr Smartphone zu schauen. So kann sie keinen Film in Ruhe anschauen.

Yvonne hat sich zumindest eine digitale Freizone geschaffen. Die Zeit mit ihrem Sohn. Wenn sie losfährt, um ihn vom Kindergarten abzuholen, dann lässt sogar sie ihr Smartphone zu Hause.

Anmerkung der Autorin: Drei Wochen nach diesem Interview liegt Yvonnes durchschnittlicher Smartphone-Konsum nur noch bei vier Stunden am Tag. Ein paar Ausreißer von sieben Stunden eingeschlossen.

Der Film zum Text: http://www1.wdr.de/fernsehen/wissen/quarks/quarks/indexquarksaktuellevideos100.html

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Eine Antwort zu Süchtig nach dem Smartphone

  1. Jan schreibt:

    Menthal kannte ich noch nicht und werde es vielleicht mal bei mir testen. Sieben Stunden am Tag und hunderte Entriegelungen sind wirklich eine Menge, aber ich glaube, da gibt es viele Nutzer, die auf diese Menge kommen. Man braucht ja nur einmal schauen, wie viele Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße quasi unentwegt auf ihr Smartphone schauen. Auch beim Filmeschauen habe ich es schon oft erlebt, dass Freunde zwischendurch irgendwelche Nachrichten geschrieben haben. Ich bin ja eigentlich ein Technikfan und möchte mein Smartphone auch nicht mehr missen, aber das geht mir meist schon zu weit. Bei Filmen, Büchern etc habe ich grundsätzlich das Handy aus, weil man im Grunde sonst nie richtig entspannen kann.

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