Kein freier Streik

Kein freier Streik

Klaus Bergner

Weniger Mäuse für "Freie" Autoren des WDR

Freie Mitarbeiter des WDR erhalten weniger Honorar für mehr Arbeit und können nicht streiken.

Die Bahngewerkschaften lassen ihre Muskeln spielen – für mehr Gehalt ihrer Mitglieder. Das Leben ist teurer geworden, die festangestellten Mitarbeiter der Bahn sollen entsprechend mehr auf ihre Konten erhalten. Ähnlich fordert die Gewerkschaft Cockpit Vergünstigungen für den Ruhestand ihrer Mitglieder. Nachvollziehbar, verständlich. Die Unternehmen selbst müssen aber immer spitzer kalkulieren – und halten dagegen. In einer globalisierten Welt mit harter Konkurrenz sparen sie, wo immer es geht.

Wer berichtet über Streik und Tarifstreit? Die Medien. Die Redaktionen des WDR etwa beleuchten täglich aktuell die Auswirkungen der Streiks, geben im Hörfunk, Fernsehen und Internet Pendlern und Reisenden zahlreiche Tipps und umfangreiche Hintergrundinformationen. Den Kampf ums Geld sowie soziale Missstände darzustellen, das ist Sache der Reporter und Journalisten. Sie erzählen von Skandalen, wie beispielsweise den um die Drogeriekette Schlecker, illustrieren einem breiten Publikum greifbar die Schicksale ehemalige Mitarbeiterinnen dieser Unternehmenspleite.

Den wenigsten aber ist bekannt, dass sich die größte Sendeanstalt des europäischen Festlandes selber einem strengen Sparzwang unterwirft. 500 (bis 800) Stellen sollen zügig abgebaut werden. Das heißt auf der Ebene der Festangestellten keine Nachbesetzung von leeren Planstellen, Verkleinerung der Redaktionen, Mehrarbeit zum gleichen Gehalt.

Eine Stufe härter trifft es aber die vielen freien Mitarbeiter, Reporter, Radio- und Filmemacher. Für das „journalistische Rückgrat“ (RP-Online, http://www.rp-online.de/app/1.4609250) der Produktion heißt das: die Freien erhalten möglicherweise schon bald weniger Aufträge zum gleichen Honorar. Genauer: noch zum gleichen Honorar. Denn es könnte bald ein neuer Honorarrahmen gelten, der von den freien Kollegen viel mehr zusätzliche Aufgaben abverlangt – und jetzt kommt’s: zum verringerten Honorar. Reporter von Regionalstudios beispielsweise sollen dann für das gleiche Aufgabenprofil ein um dreißig (30!) Prozent verringertes Honorar erhalten.

Auch hier gibt es Gewerkschaften, die alarmiert sind und den WDR um Gespräche bitten. Aber Streik – nur wie?

Die Situation der Freien – egal, ob sie Mitglied einer Gewerkschaft wie ver.di oder DJV sind oder nicht – ist eine andere. Zurzeit findet bereits ein Ausdünnen, eine starke Auslese statt, der WDR verweist die freien Kollegen auf „ihre anderen Standbeine“ (ähm, welche?). Viele Redaktionen erhöhen künstlich den Konkurrenzdruck, lassen die Freien verstärkt spüren, dass sie austauschbar seien. Vulgo: Wenn’s dir nicht passt – hinter dir stehen zahlreiche andere, die den Auftrag annehmen! Das Programm läuft durch die sofort verfügbaren Nachrücker – immer häufiger journalistische System-Neulinge – munter weiter.

Der Sparzwang macht die meisten Redaktionen blind, so dass sie auch viele verdiente, eingearbeitete Kollegen entlassen. Und Qualität – ach so, was war eigentlich damit …? (Hier schlösse sich eine weitere, grundsätzliche Diskussion über den Wandel in der Medienwelt und seine gesellschaftlichen Auswirkungen an. Sie führt allerdings an dieser Stelle zu weit, darum:)

Die rund 15000 freien Mitarbeiter des WDR liefern den Redaktionen Programminhalte zu, sind aber nicht vernetzt. Sie können also keinen Druck aufbauen wie die Bahner oder Piloten.

Also: Streik – unmöglich.

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5 Antworten zu Kein freier Streik

  1. silberschwein schreibt:

      Wie wahr wie wahr – da hilft nur, selber den Kopf aus der 'freien' Schlinge zu ziehen. Wer die beste Idee hat, wohin, melde sich.

    Gesendet: Mittwoch, 22. Oktober 2014 um 21:18 Uhr Von: medienmeister-frei-schnauze <comment-reply@wordpress.com> An: m-bednarek@gmx.de Betreff: [New post] Kein freier Streik

    klausbergner posted: "Kein freier Streik Klaus Bergner Die Bahngewerkschaften lassen ihre Muskeln spielen – für mehr Gehalt ihrer Mitglieder. Das Leben ist teurer geworden, die festangestellten Mitarbeiter der Bahn sollen entsprechend mehr auf ihre Konten erhalten. Ähnli"

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  2. Timo schreibt:

    Wenn du dich da mal nicht täuscht, „Kollege“. Die Kampfbereitschaft der WDR-Freien ist momentan groß. Und die Vernetzung besser als du glaubst. Und Nachrücker? Müssen erst eingearbeitet werden. Ein “ weiter so“ ohne Gegenwehr wird es nicht geben.

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  3. Carsten Linder schreibt:

    Lieber Klaus,

    mit Verlaub, aber da stimme ich nicht zu. Dass freie Journalisten erfolgreich streiken haben die Kollegen beim NDR schon erfolgreich gezeigt. Gutes Fernsehen machen lernt man nicht im Webinar.
    Der Skandal ist ja, dass der WDR nur 8% seines Milliarden-Etats als Honorare an diejenigen auszahlt, die den aktuellen Inhalt herstellen. Und da wird jetzt massiv gekürzt.
    Das wird beim Gebührenzahler nicht gut ankommen, denn es zeigt, wie absurd der zweitgrößte Sender Europas seine Mittel plant und ausgibt.

    Viele Grüße

    Carsten

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    • klausbergner schreibt:

      Hallo Carsten,

      vielen Dank für Deine Meldung! Deinen Optimismus, dass die WDR-Freien es den NDR-Kollegen nachmachen werden, kann ich nicht teilen. Das stütze ich auf meine Beobachtungen insbesondere über die vergangenen fünf, sechs Jahre. Es verabschiedeten sich innerhalb dieses Zeitraums still und leise überproportional viele „verdiente“ freie Kollegen. Sie waren lange recht konstruktiv-streitbar, es aber dann schlicht und einfach satt, die galoppierende Deprofessionalisierung innerhalb vieler Redaktionen mitzumachen. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich demnächst einen weiteren Blogbeitrag, der zum Inhalt diesen Prozess versucht darzustellen. Dann würde ich gern hier die Gespenster, die durch die engen Gänge des WDR wabern, zur Diskussion stellen: Quotendruck, Jugendwahn, Qualitätsniveau-Limbo. Tja, und wie war das noch mit dem Jugendkanal von ARD und ZDF – der darf nur im Neuland starten? Nein, so was!

      Bis bald

      Klaus

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